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Berlinale 2026 –
Das Festival zeigt Haltung und bleibt politisch!

76. Internationale Filmfestspiele Berlin 2026 eine Bilanz von Peter Huth

Berlin. Mit der Vergabe des „Goldenen Bären“ an den deutschen Wettbewerbsbeitrag GELBE BRIEFE von İlker Çatak sind am Wochenende die 76. Internationalen Filmfestspiele in Berlin zu Ende gegangen. Unter großem Beifall überreichte Jury-Präsident Wim Wenders im vollbesetzten Berlinale-Palast die begehrte Gold-Trophäe an den Berliner Autor und Regisseur. Die deutsche Filmlandschaft kann stolz sein. Es ist schon mehr als 20 Jahre her, dass ein deutscher Wettbewerbsbeitrag den Goldenen Bären der Berlinale gewinnen konnte. Nach Fatih Akins „Gegen die Wand“ ist es das Polit-Drama GELBE BRIEFE von Ilker Çatak, das als bester Film geehrt wurde. Çataks Film erzählt von einem Theater-Künstlerpaar in Ankara, das ins Visier des türkischen Staates gerät. Dazu wurde Ausnahme-Schauspielerin Sandra Hüller mit dem Silbernen Bären als „Beste Darstellerin“ geehrt. Im Historiendrama ROSE spielt sie eine Frau im 30-jährigen Krieg, die sich als Mann ausgibt, damit sie selbst über ihr Leben bestimmen kann. Ein doppelter Grund zur Freude für das deutsche Kino!

Das diesjährige Programm zeigte ein breites Spektrum des Filmschaffens. Aus über 8000 Einreichungen aus mehr als 100 Ländern hatten die Festival-Intendantin Tricia Tuttle und ihr Team Filme ausgewählt, die sich mit drängenden politischen, ökologischen, gesellschaftlichen und persönlichen Themen auseinandersetzen. Spannende Produktionen mit klarer Botschaft und Haltung und unverwechselbaren Regiehandschriften.

Empörung über Gaza-Statement bei der Abschlußgala !

Die feierliche Eröffnung der 76. Berlinale wurde überschattet von einem politischen Statement des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib, der eine Auszeichnung für sein Filmdebüt CHRONICLES FROM THE SIEGE erhielt, indem es um das Überleben in einem belagerten Kriegsgebiet geht.

In seiner Dankesrede warf er unter anderem der deutschen Bundesregierung vor, “Partner des Völkermords in Gaza zu sein”. Zitat Alkhatib: “Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.” Der vor Ort anwesende Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal. Die Aussagen seien inakzeptabel, sagte ein Sprecher. Berlins Regierender Bürgermeister Wegner kritisierte den Pro-Palästina-Aktivisten ginge es nicht um Menschenrechte, sondern allein um “Israel-Hass”. Er hob hervor, dass Tricia Tuttle und Wim Wenders alles dafür getan hätten, um in der angespannten weltpolitischen Lage mit “Feingefühl, Offenheit und Dialogbereitschaft” durch das Filmfestival zu führen.

Auch der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer kritisierte das Vorgehen. Propalästinensische Aktivisten hätten auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Nötigungen zu Bekenntnissen “ihre hässliche Fratze” gezeigt. “Es wurden Jury-Arbeiten und Preisverleihungen für politische Destruktion missbraucht und vielen Künstlerinnen und Künstlern ihr einmaligen Momente der Würdigung ihrer Arbeit genommen”, sagte Weimer der Deutschen Presse-Agentur.

Zahlen und Daten:

Sowohl bei den Fachbesucher*innen als auch beim Publikum war das Interesse am Programm der 76. Berlinale auch in diesem Jahr sehr groß: Rund 16.000 Fachbesucher*innen (inklusive Presse) aus 130 Ländern kamen zum Festival. Rund 330.000 Tickets wurden an das Publikum verkauft.

Im Wettbewerb konkurrierten dabei 22 Filme aus 28 Ländern um den Goldenen und die Silbernen Bären, darunter ein Debütfilm, ein Animationsfilm und eine dokumentarische Form.  Wegen der vielen Koproduktionen waren mehr Nationen am Wettbewerb beteiligt als Titel. 20 Filme wurden als Weltpremiere gezeigt. Dazu gab es weitere Produktionen in den Sektionen Berlinale Special, Perspectives, Panorama, Genration, Forum und Berlinale Classics zu sehen. Der im letzten Jahr neu etablierte Debütfilm-Wettbewerb PERSPECTIVES umfasste insgesamt 13 Spielfilme. Davon elf Weltpremieren, eine internationale und eine europäische Premiere. Auch der Jahrgang 2026 stellte wieder herausragende Talente sowie Filme voller Herz und atemberaubender Kreativität ins Rampenlicht. „Die Spielfilmdebüts in PERSPECTIVES haben uns sehr optimistisch für die Zukunft gestimmt”, sagte Intendantin Tricia Tuttle.

In Summe wurden 270 Spiel- und Dokumentarfilme mit mehr als 1000 Vorführungen gezeigt.


Die Mitglieder der Internationalen Jury 2026: 

Wim Wenders (Deutschland) – Jurypräsident
Regisseur, Autor und Fotograf. Wim Wenders zählt zu den bedeutendsten Vertreter*innen des Neuen Deutschen Films und ist seit den 1970er-Jahren weltweit präsent.

Min Bahadur Bham (Nepal)

Filmemacher des nepalesischen NewWaveKinos


Bae Doona (Südkorea)
Schauspielerin

Shivendra Singh Dungarpur (Indien)
Regisseur, Produzent und Archivar


Reinaldo Marcus Green (USA)
Drehbuchautor, Regisseur und Produzent

HIKARI (Japan)
Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin

Ewa Puszczyńska (Polen)
Produzentin


Der Eröffnungsfilm ! 

NO GOOD MEN von Shahrbanoo Sadat: Afghanistan im Jahr 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban: Naru, die einzige Kamerafrau beim wichtigsten TV-Sender Kabuls, kämpft um das Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn. Nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann ist in ihr die Überzeugung gereift, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt. Als sie die Möglichkeit erhält als Reporterin „schöne Töne“ zum Valentinstag einholen, nutzt sie die Chance. Vor Naurus Kamera erzählen leidgeplagte Frauen von ihren Ehebeziehungen, die mit Liebe nicht viel zu tun haben. Ihr Urteil ist vernichtend.

Shahrbanoo Sadat, unisolo Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin, spielt Naru eindringlich, facettenreich und mit einigen Widerhaken. Leider kann das Drehbuch und die Regie letztlich nicht überzeugen. Ihr Film fokussiert sich in erster Linie darauf, die titelgebende These, dass es in Afghanistan keine guten Männer gebe, zu widerlegen. Sie findet ihn in Qodrat, einem Reporter, mit dem Naru anfangs unterwegs ist, und der bald ein enger Vertrauter und Kollege wird. Und zwischen den beiden bahnt sich dann irgendwann auch eine Liebesgeschichte an. Zwar hat der Film einige starke kritische Momente, wenn er das Voranschreiten der Machtübernahme durch die Taliban und die damit einhergehende Brutalität schildert. Er kehrt aber dann doch wieder zur eher rührseligen Beziehungsgechichte zurück. Das ist eigentlich schade. So bietet NO GOOD MEN letztlich handwerklich ordentliches Politkino, kann aber aufgrund fehlender Stars und einer weitgehend unbekannten Regisseurin, die Erwartungen an eine glamouröse Eröffnung nicht erfüllen. Etwas mehr Strahlkraft sollte ein Eröffnungsfilm schon mitbringen.

DER GOLDENE BÄR:

GELBE BRIEFE von İlker Çatak. Die Berlinale-Jury unter Vorsitz von Jury-Präsident Wim Wenders vergab den Goldenen Bären der 76. Berlinale an den deutschen Wettbewerbsbeitrag GELBE BRIEFE von İlker Çatak. Und die gute Nachricht vorweg . er wird bereits am 05. März in den deutschen Kinos zu sehen sein.

Derya und Aziz, ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben, bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen.

Der bereits mit seinem Film DAS LEHRERZIMMER gefeierte deutsch-türkische Regisseur Ilker Catak erzählt vom Ende der Freiheit der Kultur und dem damit verbundenen abgleiten in die Diktatur. Dabei verlegt er die Geschichte nach Deutschland um darauf aufmerksam zu machen, dass dies nicht nur ein türkisches Problem ist, sondern stellvertretend ein Modellfall für alle gefährdeten Demokratien.

Çatak nutzt Berlin und Hamburg als Stellvertreter für Ankara und Istanbul, was bewusst als verfremdender Effekt eingesetzt wird. Diese Maskerade unterstreicht den universellen Anspruch der Geschichte und macht die politische Unterdrückung als globales Phänomen erkennbar. Der Film ist komplett auf Türkisch gedreht. Das schafft Authentizität und zwingt das Publikum, sich aktiv mit den Untertiteln auseinanderzusetzen. Çataks Film zeigt, wie staatliche Eingriffe in Theater, Universitäten und Medien zu einem „zivilen Tod“ führen können, bei dem Menschen zwar physisch überleben, aber gesellschaftlich und beruflich ausgelöscht werden. Çatak verzichtet auf direkte politische Anklagen, sondern vermittelt die Bedrohung atmosphärisch und systemisch, wodurch die Geschichte universell verständlich wird. Man spürt in jeder Einstellung, wie tief sich der Regisseur emotional, kreativ und kämpferisch mit seinen Figuren verbunden fühlt. GELBE BRIEFE ist ein wortgewichtiger Film, der die Sprache feiert, ihre Feinheiten ebenso wie ihre unbändige Kraft. Ein Film, der sein Publikum begeistern wird.

DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG!

SANDRA HÜLLER gewinnt den „Silbernen Bären“ für ihre herausragende Performance in dem deutschen Wettbewerbsbeitrag ROSE von Markus Schleinzer. Der Film ROSE ist angesiedelt im 17. Jahrhundert. Sandra Hüller spielt einen Soldaten, der aus dem Dreißigjährigen Krieg in ein abgelegenes protestantisches Dorf zurückkehrt und sich dort als Mann ausgibt. Rose besitzt Papiere, die sie als Erben eines verfallenen Gutshofs ausweist. Ihr Gesicht ist durch eine Schussverletzung entstellt, eine Narbe zieht sich von der Wange bis zum Mundwinkel. Die Dorfgemeinschaft nimmt den Fremden widerwillig auf, nachdem die Berechtigung der Erbpapiere geprüft wurde. Rose beginnt, den Hof zu bewirtschaften und ihn wieder aufzubauen. Nach einiger Zeit plant sie, das Land zu erweitern. Der benachbarte Großbauer bietet ihr zusätzliches Land an – unter der Bedingung, dass Rose seine Tochter Suzanna heiratet. Rose willigt ein, obwohl sie ihre wahre Identität verbergen muss. Um die Ehe zu vollziehen, greift Rose zu einer Täuschung, um den Anschein von Geschlechtsverkehr zu erwecken. Doch schon bald verbreiten sich Zweifel und Gerüchte im Dorf. Suzanna versucht „ihren Mann“ zu decken, doch beide werden festgenommen. Suzanna wird wegen Beihilfe zum Betrug und Ehebruch zum Tod durch Ertränken verurteilt, Rose wegen Betrug und Erbschleicherei durch Enthauptung hingerichtet.

Die Geschichte in ROSE basiert auf historischen Dokumenten über Frauen, die sich als Männer verkleideten, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sandra Hüller verleiht der Titelfigur Tiefe und große Menschlichkeit, obwohl sie als Mann nur das Nötigste spricht. Ihre körperliche Präsenz macht die innere Zerrissenheit spürbar: Nach außen das herrische Gebaren, um als Mann zu überzeugen, darunter die Angst, in einer frauenfeindlichen Welt als Frau enttarnt zu werden. Sandra Hüller ist als Rose ein schauspielerisches Ereignis und beweist einmal mehr, dass sie zu den ganz großen Darstellerinnen des internationalen Kinos zählt. Chapeau! Davon können sich die Kinobesucher:innen bald auch selbst überzeugen. ROSE wird ab 30.04.2026 in den deutschen Kinos zu sehen sein.

Der berührendste Film im Wettbewerb !

THE LONELIEST MAN IN TOWN von Tizza Covi und Rainer Frimmel.

Al Cook lebt umgeben von seinen Erinnerungen. Seine Wohnung und sein Keller sind vollgestopft mit Büchern, Videokassetten und Schallplatten. Es ist alles, was ihm von einem Leben in vollen Zügen geblieben ist. Die Zeit scheint hier stillzustehen, während sich außerhalb seiner vier Wände die Erde weitergedreht hat. Der Blues, die Musik, die Al alles bedeutet, gerät allmählich in Vergessenheit. Seine Heimatstadt fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an, und der Verlust seiner geliebten Frau schmerzt ihn noch immer täglich. Als eine skrupellose Immobilienfirma sein Haus abreißen will, droht ihm auch dieser Rückzugsort zu entgleiten, und er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Während er sich gezwungenermaßen nach und nach von all den Schätzen seines Lebens verabschiedet, muss Al sich die Frage stellen: Wie weitermachen, wenn Erinnerungen alles sind, was ihm geblieben ist? Angesichts des drohenden Verlusts entscheidet er sich für einen radikalen Neuanfang.

THE LONELIEST MAN IN TOWN wird getragen vom Wiener Blues-Musiker Al Cook, alias Alois Koch, sein eigentlicher bürgerlicher Name. Der Film ist benannt nach einem Song von ihm und übernimmt auch ansonsten viel von seinem echten Leben: Er wurde gedreht in Al Cooks Wohnung, alle Erinnerungen und Fotos, die im Film zu sehen sind, sind echt. Auch wenn der Film dokumentarisch wirkt, so ist es doch ein Spielfilm. Die Rahmenhandlung ist ausgedacht, Alois’ Begegnungen mit anderen ebenso. Mit herrlichem lakonischem Witz lassen die Regisseur:innen einige mehr oder weniger schräge Figuren in Alois’ Leben treten: Originale die man nicht so schnell vergisst.

THE LONELIEST MAN IN TOWN ist ein kleiner stiller Film, doch er verhandelt große Themen:

Gentrifizierung, Einsamkeit im Alter – und die Frage, wie man ein selbstbestimmtes, gutes Leben führen kann. Al Cooks Darstellung von sich selbst, gehört zu den schönsten Leinwand-Performances dieser Berlinale. Wenn er zur Gitarre greift oder sich ans verstimmte Klavier setzt und zu spielen und singen beginnt, schenkt er dem Zuschauer berührende Momente. Auch wenn die Finger längst nicht mehr so flink und geschmeidig über die Saiten gleiten: Hier ist einer, der den Blues mit jeder Zelle seines Körpers lebt.

 

Der beste Debütfilm – Das Highlight des PERSPECTIVES-Wettbewerbs!


DER HEIMATLOSE von Kai Stänicke

Nach 14 Jahren auf dem Festland kehrt Hein in seine Heimat zurück – das einzige Dorf auf einer abgelegenen Nordseeinsel. Zu seiner Überraschung erkennt ihn die eingeschworene Dorfgemeinschaft nicht wieder. Sogar sein Kindheitsfreund Friedemann distanziert sich von ihm, obwohl sie einst unzertrennlich waren. Um herauszufinden, ob Hein wirklich der ist, für den er sich ausgibt, rufen die Bewohner*innen ein Dorfgericht ins Leben. Doch im Verlauf des Prozesses mehren sich die Ungereimtheiten. Heins Erinnerungen an seine Jugend unterscheiden sich grundlegend von denen der geladenen Zeug*innen. Mit jedem Verhandlungstag verschlechtert sich die Stimmung im Dorf, aus Verdächtigungen wird offene Feindseligkeit. Alle sind überzeugt, dass Hein ein Betrüger ist. Von Täuschung und Selbsttäuschung erzählt Kai Stänickes großartiger Debütfilm DER HEIMATLOSE.

Vom Wunsch der Zugehörigkeit, der Erkenntnis, nicht in eine bestimmte Gemeinschaft zu passen. Von Wahrheit und Lüge. Ein Film, der vom ersten Moment an mitreißt, eine besondere, mysteriöse und auch befremdliche Atmosphäre entstehen lässt. Alles fühlt sich unecht und reduziert an. Alles Fassade, so wie

die wenigen Häuser des Dorfes, die nur aus einem Boden aus Holz und wenigen Wänden ohne Dach bestehen. Ganz so wie einst in Lars von Triers Film DOGVILLE. Der Verfremdungseffekt funktioniert ähnlich überzeugend. Mehr noch als das überragende Darstellerensemble überzeugt das bis zur letzten Minute konsequente brillante Drehbuch des Films. Es beginnt und endet auf dem Meer. „Was führt dich bloß an diesen gottverlassenen Ort?“, fragt der Schiffer, der Hein zu Beginn des Films zur Insel bringt. „Das ist meine Heimat, die kann man sich nicht aussuchen“, antwortet Hein mit einer Mischung aus Lakonie und Rätselhaftigkeit, die sich durch den ganzen Film ziehen wird. Welches Potential steckt noch in diesem jungen Regisseur nach diesem bemerkenswerten Debütfilm. Mit einem größeren Budget? Das wird dann sicher spektakulär!

 

DIe Entdeckung im Generation 14plus Wettbewerb !
SUNNY DANCER von George Jaques

Mit gerade einmal 17 Jahren erholt sich Ivy (Bella Ramsey) von einer Krebserkrankung. Weder trauert sie selbst ihren „verlorenen“ Monaten nach, noch akzeptiert sie Mitleid seitens ihrer Mitmenschen oder Eltern. Nachdem diese sie allerdings zum „Children run free“ Sommercamp angemeldet haben, einem Ferienlager für krebskranke Jugendliche, sagt sie widerwillig zu. Am Anfang fällt es Ivy schwer, sich dort an die Regeln zu gewöhnen. Doch im Laufe der Zeit schließt sie innerhalb der Gruppe von Außenseiter*innen unerwartete Freundschaften – und erlebt im „Chemo Camp“ einen Sommer, den sie nie vergessen wird.

Sunny Dancer ist erst der zweite Film von George Jaques, der wie bereits in Black Dog als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent die volle kreative Kontrolle über seinen neuesten Film behält. Was das Genre angeht, bleibt er sich treu. Erneut versucht er das Coming-of-Age-Genre neu zu denken. Trauer, Bewältigung und Krebs schaffen Vielschichtigkeit und stehen konträr zur Leichtigkeit, die der Titel Sunny Dancer vermittelt.

SUNNY DANCER erzählt von einem Mädchen, dass sich nicht durch ihre Krankheit definieren lassen will und erst recht keine Sonderbehandlung oder Mitleid braucht. Die Verlorenheit einer 17-Jährigen wird spürbar und gleichzeitig glaubwürdig durch ihre neuen Freunde widergespiegelt und aufgefangen. SUNNY DANCER feiert mit bemerkenswertem Fingerspitzengefühl das Leben als einen Moment. Der Umgang der Jugendlichen miteinander, mit den Eltern und mit den Betreuern wirkt durchweg authentisch. Konversationen sind oft entlarvend präzise. Zuschauer jedes Alters dürften sich wiedererkennen und sich dabei gleichermaßen peinlich berührt fühlen wie die Figuren auf der Leinwand.

George Jaques unaufgeregte, lebensnahe Inszenierung wird getragen von einem groß aufspielenden jugendlichen Schauspieler-Cast, allen voran von der großartigen Bella Ramsey, die vielen noch aus den Erfolgsserien GAME OF THRONES und THE LAST OF US bekannt sein dürfte.

 

Der wichtigste Dokumentarfilm des Festivals !

TRACES von Alisa Kovalenko.
Das Publikum hat abgestimmt: Der 28. Panorama Publikums-Preis für den besten Dokumentarfilm geht an TRACES von Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk.

Der Film nimmt ukrainische Frauen in den Blick, die während des russischen Angriffskriegs sexuelle Gewalt und Folter erlebt haben und sich weigern, darüber zu schweigen. Er begleitet Iryna Dovhan, eine Betroffene, die zur Aktivistin geworden ist und die Erinnerungen betroffener Frauen in den zurückeroberten Gebieten der Ukraine dokumentiert. Anhand ihrer Geschichte schafft der Film das Porträt eines kollektiven Traumas, eröffnet aber auch Raum für Hoffnung. Iryna versammelt Überlebende in einem Kreis aus Mut und Fürsorge. Gemeinsam verwandeln sie ihren Schmerz in Kraft im Kampf für Wahrheit, Gerechtigkeit und gegenseitige Unterstützung. Traces ist nicht nur reine Dokumentation von Kriegsverbrechen, sondern auch ein Zeugnis für die Widerstandsfähigkeit und die Solidarität unter den Frauen.

Die tiefen Spuren militärischer Gewalt in der Ukraine ziehen sich als thematischer Leitfaden durch Marysia Nikitiuk und Alisa Kovalenkos erschütterndes Dokument systematischer Grausamkeit. Sie zeigt sich nicht in den traurig bekannten Bildern zerbombter Häuser, Toter und Verwundeter, sondern den mutigen Aussagen der ukrainischen Frauen, die von sexualisierter Gewalt durch russische Soldaten sprechen. Ihre beklemmenden Berichte brechen das Tabu, welches Teil der psychologischen Strategie der russischen Invasoren ist, und sollen so auch anderen Betroffenen die Kraft zur Aussage geben.

Als Überlebende von Folter und sexueller Gewalt ringen die Frauen mit dem physischen und psychischen Narben in einem Umfeld, dass ihnen minimale Unterstützung geben kann. Selbst in Friedenszeiten sind Hilfsangebote für die Opfer sexueller Gewalt rar und unzureichend. In dem vom Angriffskrieg gezeichneten Land existiert dergleichen kaum noch. So beschloss Iryna Dovhan, selbst eine Hilfsorganisation zu gründen – die ukrainische Frauenorganisation SEMA, die sich für Betroffene von sexualisierten und geschlechtsspezifischen Kriegsverbrechen einsetzt.

TRACES ist ein schmerzlicher und doch elementarer Beitrag zur Chronik des Ukraine-Krieges. Laut den

UN-Angaben berichten mehr als 90% ukrainische Militärangehörige und Zivilsten, welche die russische Gefangenschaft erlebt haben, über Folter und Misshandlungen.

Glanz und Glamour:

Das Interesse des Publikums am Festival war auch in diesem Jahr ungebrochen. Geduldig standen die Besucher an, um ihre Lieblinge am Roten Teppich zu bejubeln. Zahlreiche Stars der nationalen und internationalen Filmszene waren angereist und haben ihre Werke persönlich vorgestellt. Darunter John Turturro, Amanda Seyfried, Channing Tatum, Ethan Hawke, Juliette Binoche, Pamela Anderson, Sam Rockwell, Bella Ramsey, Sandra Hüller, Lars Eidinger u.v.a. Doch auch neue Gesichter sorgten für Aufmerksamkeit beim Schaulaufen. Unter anderem Charli XCX, die britische Pop-Singer-Songwriterin und Social Medi Star, stellte ihren neuen Mockumentray Film THE MOMENT vor und sorgte auf dem Teppich für einen kreischenden Fan-Hype. Der als heisser Bond-Nachfolger gehandelte Callum Turner hatte gleich seine Lebensgefährtin Dua Lipa mitgebracht und ein Blitzlichtgewitter ausgelöst.

Daneben wurde der Laufsteg aber auch für politische Botschaften genutzt. Die Autorin und Journalistin Düzen Tekkal nutzte ihren Auftritt auf dem roten Teppich, um auf die Lage im Iran aufmerksam zu machen. Zusammen mit Banafshe Hourmazdi, Jasmin Tabatabei und Pheline Roggan hielt sie Plakate mit der Aufschrift „Free Iran“ und „Rojava in my Heart“ hoch. Auch die deutsche Grünen-Politikerin Karin Göring Eckardt brachte eine Botschaft mit. Auf ihrer Hand stand geschrieben: „Erinnerung ist keine Verletzung“. Diese Worte sind Teil einer umstrittenen ukrainischen Kampagne bei den Olympischen Spielen in Mailand-Cortina.

Auf dem roten Teppich wurde erneut deutlich, dass sich Politik und Kino nicht vollständig trennen lassen.

Goldener Ehrenbär für Michelle Yeoh !
Bei der Eröffnungsgala erhielt die Oscar-prämierte malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh den Goldenen Ehrenbären der 76. Berlinale. Mit Filmen wie TIGER & DRAGON, DIE GEISHA oder EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE begeisterte sie weltweit ihr Publikum.

Michelle Yeoh gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Mit einer Karriere, die sich über vier Jahrzehnte und mehrere Kontinente erstreckt, hat sie einen bleibenden Einfluss auf das internationale Kino ausgeübt. 1999 war Michelle Yeoh Mitglied der Internationalen Jury der Berlinale. Über ihre Verbindung zum Festival sagte Yeoh: „Berlin hat immer einen besonderen Platz in meinem Herzen gehabt. Es war eines der ersten Festivals, das meine Arbeit mit solcher Wärme und Großzügigkeit aufgenommen hat. Nach all den Jahren zurückzukehren und meine Reise im Kino gewürdigt zu sehen, bedeutet mir sehr viel.“

Michelle Yeoh ist eine visionäre Künstlerin und Performerin, deren Werk Grenzen überschreitet ‒ ob geografisch, sprachlich oder filmisch“, sagt Festivaldirektorin Tricia Tuttle. „Ihre eindringliche Präsenz, ihre furchtlosen künstlerischen Entscheidungen und ihr unverwechselbarer Stil haben Generationen von Filmschaffenden und Fans auf der Berlinale und weltweit nachhaltig geprägt.“


Ausblick:

Insgesamt fällt die Bilanz dieser Berlinale Ausgabe positiv aus. Es gab viele tolle Filme zu entdecken, viele herausragende Schauspielleistungen. Das erste Mal seit 20 Jahren, konnte wieder eine deutsche Produktion einen Goldenen Bären erringen. Das Festival hat Tradition, und es besitzt Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges, als sich in Berlin die Hollywoodstars die Klinke in die Hand gaben und an die Jahre danach, als Ost und West zusammenkamen. Leider fehlten im Wettbewerb in diesem Jahr Produktionen aus China, Indien, Frankreich Italien und Spanien. Filmnationen, die in den zurückliegenden Jahren regelmäßig hochkarätige Beiträge ins Bären-Rennen entsandt haben. Hoffentlich kein Trend, dassdiese Filmländer ihre Produktionen lieber im sonnigen Cannes präsentieren möchten.

Die Berlinale ist immer noch stark. Hier präsentiert sich das junge, wagemutige und meinungsstarke Kino. Talente werden entdeckt, die anderswo kaum eine Bühne fänden. Tricia Tuttle und ihr Team haben ein tolles Festival kuratiert und organisiert. Für den Wintertermin und die Marktbedingungen kann sie nichts. Ihr ansteckender Optimismus könnte der Berlinale auch in den kommenden Jahren wieder neuen Schwung verleihen.


Alle Preise der Internationalen Jury im Überblick :

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM (an die Produzenten)

Gelbe Briefe von İlker Çatak

SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY

Kurtuluş (Salvation) von Emin Alper

SILBERNER BÄR PREIS DER JURY

Queen at Sea von Lance Hammer

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE

Grant Gee für Everybody Digs Bill Evans

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER HAUPTROLLE
Sandra Hüller in Rose von Markus Schleinzer

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER NEBENROLLE

Anna Calder-Marshall & Tom Courtenay in Queen at Sea von Lance Hammer

SILBENER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH

Geneviève Dulude-de Celles für Nina Roza von Geneviève Dulude-de Celles

SILBERNER BÄR FÜR EINE HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG

Anna Fitch, Banker White für Yo (Love is a Rebellious Bird) von by Anna Fitch, Banker White

Weitere Infos unter www.berlinale.de

(Plakat©Claudia-Schramke, Sandra-Hüller©Richard-Hübner, Michelle Yeoh©Richard Hübner, Der Heimatlose©Dirk Michael Deckbar, Sunny-Dancer©Dirk-Michael-Deckbar)